Derveni: „It´s like a prison“

Derveni 5Ungefähr zwanzig Minuten vom Zentrum Thessaloniki entfernt, liegt das vom griechischen Militär betriebene Lager „Derveni“ zwischen den Bergen, direkt an der Autobahn. Das Lager besteht aus einem eingezäunten, ehemaligen Fabrikgelände mit alten Lagerhallen. Diese sind komplett aus Metall und heizen sich in der prallen Sonne unerträglich auf. Sowohl in den Hallen, als auch ungeschützt auf dem Gelände stehen unzählige Zelte. Diese sind gerade in den Hallen am Tage unerträglich heiss. Militär und Polizei laufen, vermutlich aus Überwachungsgründen, über die Dächer der Hallen, was einen dröhnenden Lärm verursacht.

Derveni 4

Im Lager von Derveni sind ca. 800 Menschen aus Nordsyrien untergebracht. Sie gehören zu den Menschen, die zuvor Monate in Idomeni ausgeharrt hatten und schließlich von der Polizei geräumt wurden. Einige Flüchtende berichteten uns, dass es in Idomeni besser gewesen war, weil sich dort im Laufe der Zeit zumindest einiges an Infrastruktur aufgebaut hatte. Für die vielen Kinder, ein Mensch aus dem Lager schätzte uns gegenüber ca. 300, gibt es nur einen winzigen Spielplatz mitten auf dem asphaltierten Gelände ohne jeglichen Schutz vor der Sonne. Es gibt keine Schule und keinerlei Angebote für die Bewohner_innen.

Derveni 1

Die Sanitäranlagen im Lager sind in einem katastrophalen Zustand und ihr Gestank breitet sich im ganzen Camp aus. Die Duschen haben nur kaltes Wasser. Die Bewohnerin F. erklärte uns, dass sie, um sich warm waschen zu können, Plastikflaschen in die Sonne legen.

Richtung Thessaloniki gibt es für die Flüchtenden keine Anbindung. So laufen viele an der Straße entlang und unter einer Autobahn hindurch, um zu einem Supermarkt zu gelangen. F. erklärte uns, dass die medizinische Versorgung im Lager nur für drei Stunden am Tag gegeben sei und sich auf das Verabreichen von Schmerzmitteln beschränke. Sie erzählte ebenfalls, dass sie, wenn sie in ein Krankenhaus müssen, nach Thessaloniki gebracht, aber nicht wieder abgeholt werden. Viele können sich jedoch die Busfahrt aus der Stadt zurück zum Lager nicht leisten. F., deren angeschwollener Fuß notdürftig mit einer Binde umwickelt war, berichtete uns, dass sie sich vor einigen Tagen des Nachts schlimm den Fuß verdreht hatte, aber sie die Rückfahrt aus dem Krankenhaus nicht bezahlen könne. Deshalb bleibt sie im Lager und hofft, dass der Fuß von alleine wieder verheilen wird.

Derveni 2

Da das Lager vom Militär betrieben wird, dürfen offiziell keine Personen von Außerhalb hinein. Die Bewohner_innen bringen durch einen extra geschaffenen Zugang Aktivist_innen in das Lager, um ihnen die unmenschlichen Zustände zu zeigen. Dieser Zugang wird von den Bewohner_innen ebenfalls genutzt, um ungesehen von Militär und Polizei, gespendete Gegenstände und Kleidungsstücke hineinzubringen.

Das Militär stellt das Nötigste an Essensversorgung bereit. Zwei Mal am Tag bekommen die Menschen ein kleines Schüsselchen mit undefinierbarem Essen. Einige Bewohner_innen betonten, dass dieses Essen nicht gut für sie sei, sie aber nicht genug Geld hätten, sich immer andere Nahrungsmittel zu kaufen. F. berichtete uns, dass ihnen das Essen in den letzten Monaten wiederholt bereits verdorben ausgegeben worden sei. Einmal bekamen sie sogar verfaulte Eier. Bild0082

F. erzählte, dass viele Bewohner_innen durch das schlechte Essen krank geworden seien.  Sie berichtete zudem von ihrer einjährigen Tochter, bei der ein Insektenstich eine schlimme Allergie ausgelöst hätte. Ein Arzt hätte ihr gesagt, ihre Tochter dürfe nur frisches Essen bekommen. Dieses kann sich die Mutter jedoch nicht leisten. Von dem täglichen Essen wird die Allergie jedoch immer wieder aufs Neue ausgelöst, sodass ihre Tochter inzwischen fast nichts mehr zu sich nimmt. Ein anderer Bewohner berichtete zudem von Schlangen, die öfters im Lager auftauchen und von den Bewohner_innen, aus Furcht, sie könnten die Kinder, welche draußen spielen beißen, erschlagen werden. Das Militär hätte ihnen daraufhin gesagt, sie sollten das doch bitte unterlassen.

Derveni 3

F. erzählte uns, dass sie für sich alle Hoffnung aufgegeben hätte und sich innerlich gebrochen fühlt. Sie wünsche sich nur ein besseres Leben für ihre Kinder. Sie wünscht sich, dass diese in die Schule gehen können und die Möglichkeit bekommen ein besseres Leben zu leben. Statt dessen wachsen sie in diesem Lager in diesen Zuständen auf und lernen nur wie unter diesen Bedingungen zu überleben ist, wobei den Kinder in F.s Augen dadurch viele schlechte Verhaltensweisen ansozialisiert werden. Hier wird deutlich: Die euopäische Flucht- und Migrationspolitik verwirkt nicht nur die Leben derer, die sich als Erwachsene auf die Flucht gemacht haben, sondern die zahlreicher Generationen.
Auf Deutschland vertraue hier niemand mehr. Merkel sei doch verantwortlich für die Situation hier in Griechenland, berichtete F. resigniert, all die Leute in Deutschland wüssten von den schrecklichen Bedinungen und würden nichts machen. Einige Geflüchtete betonten, dieses Lager sei kein Ort zum Leben, sondern ein Gefängnis. F. sagte zu uns „In Syria it is brutal fast death, here we are slowly dying“.

Bei unserem zweiten Besuch hat sich eine Menschenmenge am Eingang des Lagers gesammelt. Die Geflüchteten protestieren vor den Soldaten und Polizisten für bessere Bedingungen. Außerdem sprechen sie mit VertreterInnen von UNHCR, welche sich ab dem 16.7. anfangen wollen im Lager zu engagieren.

Die Isolation des Lagers scheint weit zu reichen: ein Mitarbeiter einer NGO, der mitbekommen hat, dass wir einen Blog schreiben, versuchte uns Nahe zu legen, dass wir uns gut überlegen sollten, was wir über Derveni veröffentlichen und was die Konsequenzen wären.

Einige Menschen erzählten uns ihre Fluchtgeschichte aus Syrien. Ein Mann, der uns sehr lange und intensiv berichtete, erzählte, dass er alles im Bürgerkrieg verloren habe. Eine Familie lud uns in ihr Zelt ein, wo uns sowohl die Mutter, als auch der Vater und der kleine Sohn erzählten uns von ihrer Situation. Ein Mensch vor Ort zeigte uns Gedichte, die er über den Krieg in Syrien geschrieben hat. Eines davon wollen wir hier veröffentlichen:

„Freedom is freedom of the mindGedicht

is the freedom of thought

is the freedom of choise

freedom is not to kill the children

or the compulsing establishment of war“

 

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