Katsikas: Zwischen Ausharren und Einrichten in der Einöde

IMG_0769Das Lager in der Nähe des kleinen Dorfes Katsikas besteht seit ca. 4-5 Monaten, derzeit befinden sich ungefähr 800 Leute dort. Das Camp wird von Militärs in der Ausbildung betrieben, die deswegen (noch) keine Waffen bei sich tragen. Vor Ort sind neben Militär und Polizei Hifsorganisationen wie MSF, Medicins du Monde und Lighthouse. Essen wird einmal am Tag vom Militär bereit gestellt, ein Großteil der Infrastruktur wird von Volunteers getragen. Wir sprachen mit Volunteers und Flüchtenden vor Ort.

Eine Familie mit vielen Kindern erzählte uns von ihrem Wunsch nach Deutschland, oder vielleicht nacht Spanien weiter flüchten zu können. Viele ihrer Verwandten leben schon in Deutschland. Die Situation in Griechenland sei sehr schlecht, betonten sie immer wieder. Hier gäbe es Schlangen, sie zeigten uns ihre geschwollenen Stiche von Insekten.

Das Camp, gelegen auf einem Schotterfeld zwischen zwei Bergketten, ohne jeglichen Schutz vor Wind oder Sonne, befindet sich an einer Landstraße. Bei brütender Hitze und über 30 Grad Celsius waren nachmittags fast keine Leute außerhalb der Zelte anzutreffen. Den darin lebenden Menschen wird von den Militärs nur das Nötigste bereitgestellt. Alles, was an Infrastruktur vorhanden ist, wurde von den Leuten selber in Zusammenarbeit mit Volunteers errichtet. Dem ungenießbaren Essen des Militärs, ziehen die Menschen, so wurde uns berichtet, das Essen der Volunteers vor.

IMG_0785Vor vielen Zelten haben die Flüchtenden richtige Gärten mit Tomaten, Fenchel und anderem Essbaren angelegt. Die Volunteers erzählten uns, wie sie gemeinsam mit den Flüchtenden ein Sportzelt mit Boxsack, Hantelbank und Springseilen aufgebaut haben. Im Camp gäbe es Olympia Teilnehmer z.B. im Diskuss-Werfen und mehrere Thai-Boxer. Die Flüchtenden haben außerdem einen Frauenraum gebaut. Es gibt ein Waschzelt für Babys, einen Kindergarten und eine Schule, die von Flüchtenden und Volunteers betrieben werden. Auch ein Gebetszelt ist vorhanden. An den Zeltwänden sind verschiIMG_0780edenste Grafittis mit politischen Slogans und Bildern angebracht. Die Volunteers erzählten, wie sie versuchen gemeinsam mit den Flüchtenden die Strukturen, die diese gerne vor Ort hätten, aufzubauen.
Hier im Camp ist eine auf Langfristigkeit angelegte, größtenteils selbstorganisierte Infrastruktur entstanden.

 

IMG_0789Trotzdem bleibt die Frage, was ist das für ein Europa, das den Flüchtenden nur die Optionen einer gefährlichen, illegalisierten Fluchtroute oder das Ausharren in Zeltlagern übrig lässt? Statt der erhofften Flucht in ein sicheres Leben, lässt dieses Europa Menschen hier in der Einöde versauern, demoralisiert sie und nimmt ihnen alle Möglichkeiten und Perspektive, sich selbst ein gutes Leben aufzubauen. Diese Politik beraubt die Leute auf brutale Weise ihrer menschlichen Würde, indem sie sie am langen Arm, am absoluten Existenzminimum hinhält.

Ein junger Flüchtender zeigte uns ein Video auf seinem Handy von der Überfahrt im Schlauchboot. Die von ihm als „Mafia“ Bezeichneten hätten immer mehr und mehr Menschen mit Pistolen auf das Boot gezwungen. Mit den Händen zeigte er uns, wie sehr das Boot am Ende in der Mitte durchhing. Auf dem Video ist zu hören, wie Kinder weinen und schreien. Er selbst hatte das Boot lenken müssen, 6 Stunden dauerte diese Fahrt auf dem durch die Wellen sehr stark schaukelnden Boot. Er zeigte uns im nächsten Video, wie sie von der griechischen Küstenwache aus dem Schlauchboot gezogen wurden. Die türkische Küstenwache hingegen ramme die Boote nur, berichtete er weiterhin.

IMG_0776Die Volunteers berichteten uns, dass es aus dem Camp keine Anbindung an das Relocation Program (Gegenmodell der Eu anstatt offener Grenzen: Möglichkeit in Griechenland Asyl zu beantragen und anschließend in andere Eu-Länder „umverteilt“ zu werden) gäbe. Wer darüber versuchen will, weiter zu kommen, müsse nach Thessaloniki oder Athen kommen, z.B. mit dem Bus, der „natürlich“ selbst bezahlt werden muss. Das Camp ist nach „Ethnien“ eingeteilt, die Sprecher_innen wählen sollen, mit denen dann u.a. auch über Bedürfnisse kommuniziert werden kann. In wie fern die Einteilung selbst gewählt oder von Offiziellen bestimmt sei, wussten sie aber nicht.

Das Camp ist in den letzten Wochen stark geschrumpft. Viele gingen über Nacht, wurde uns berichtet. Auch in diesem Camp ist sichtbar, dass die Flüchtenden ihr Leben selber in die Hand nehmen und neue Wege suchen und hoffentlich finden werden, um an ihr Ziel zu gelangen.

 

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