Selbstbestimmt: Aufbruch aus Lager in Thessaloniki und zunehmend Menschen auf der Straße

160225_ZaunMazedonienManchmal sind die Tage hier durch viel Unklarheit und Gerüchte bestimmt. In den letzten Tagen haben wir immer wieder die Nachrichten gehört, dass wieder vermehrt Menschen auf den Inseln ankommen und Athen inzwischen mit Refugees voll wäre. Selbst wahrnehmen können wir, dass immer mehr Menschen um Idomeni zu Fuß unterwegs sind, um ins Camp am Grenzübergang zu kommen oder anderes über die Grenze nach Mazedonien zu gelangen. Auch Busse kommen wieder im Grenzlager an. Teilweise laufen die Flüchtenden die 70 km von Thessaloniki aus zu Fuß.

Dort, so erreichte uns heute Vormittag die Nachricht, haben heute Refugees den Zaun eines Lager gemeinsam aufgebrochen und sich auf den Weg nach Idomeni gemacht. Zuerst war die Rede von 2.000 Menschen, heute Abend nur noch von einigen hundert. Wir selbst haben um die 500 Personen in verschiedenen Kleingruppen zu Fuß auf dem Highway getroffen und sie mit Wegproviant unterstützt und versucht zu supporten. Es waren viele Familien dabei, viele schwangere Frauen und kleine Babys, die von ihren Familienangehörigen den ganzen Weg getragen wurden. Einige erzählten uns, dass sie bereits über 7 Tage in dem vorherigen Camp aufgehalten wurden und nun endlich weiter wollen. Andere Aktivist_innen haben Wasser und abends auch warmes Essen auf der Strecke vorbei gebracht. Viele der Laufenden schienen sich gegen Abend auf eine Nacht im Freien an Parkplätzen einzustellen.

160225_NatodrahtGestern haben wir im Grenzlager eine Gruppe Refugees wieder getroffen, mit der wir an unserem ersten Abend in Polycastro ins Gespräch gekommen sind. Auch sie sind die 20 km von der Tankstelle in Polycastro ins Lager zu Fuß gelaufen, mit ihrer kranken Mutter. Hier müssen sie wieder mindestens zwei Tage warten. Gestern war der Grenzübergang lediglich den Vormittag über geöffnet. Seit gestern Mittag ist die Grenze geschlossen. Ein wartender Flüchtender berichtete uns, dass er den ganzen Tag vor dem Übergang ausgeharrt hat, die Polizei aber lediglich 100 Personen durchgelassen habe. Andere erzählten, dass niemand mehr durchkäme. Wann und warum die Grenze auf und zu macht, verstehen auch Journalist_innen vor Ort nicht. Es wirkt willkürlich.

Das gestern spontan entstandene Camp auf dem Acker zwischen den Campstrukturen A und B musste zudem heute auf ein anderes Feld umziehen, da es in Privatbesitz ist, wie uns ein anderer Geflüchteter berichtete. So war den Tag über zu beobachten, wie Zelte ab- und aufgebaut und durch die Gegend getragen wurden.

Zudem haben wir heute von einem Journalisten im Camp in Idomeni erfahren, dass die griechische Polizei gegen Abend 4 Busse mit Afghan_innen abtransportiert hat. Über den Tag seien zudem weitere 2-3 Busse aus dem Camp abgefahren.

An vielen Stellen kom160224_Aufladenmen wir mit flüchtenden Menschen auf ihrem Weg ins Gespräch. Viele zeigen uns Bilder von ihren Familien und erzählen – mal mehr, mal weniger – von sich. Manche erzählen uns auch ihre ganze Verfolgungs- und Fluchtgeschichte, so berichtete uns heute jemand von vielen Stationen auf dem Weg von Syrien nach Griechenland, wo er und seine Kinder immer wieder von anderen Gruppen verfolgt und bedroht wurde. Wir durften ein Interview mit ihm aufnehmen, in dem er uns auch davon berichtete, dass schon seine Familie aus Palästina geflohen ist, er in Syrien aufgewachsen ist. Er endete mit der Frage, ob wohl seine Kinder auch irgendwann aus Deutschland migrieren werden müssen? Wir treffen Menschen, die nichts haben, selbst in ihrer Flucht völlig auf sich selbst gestellt sind und darin einen unglaublichen Willen und eine Gemeinsamkeit entwickeln, die einfach unglaublich ist. Während in Deutschland das Asylpaket II verabschiedet wird, treffen wir Menschen aus Nordafrika, deren Herkunftsstaaten gerade zu „sicheren Herkunftsländern“ erklärt werden. Hier werden sie in die Illegalität gedrängt, so dass sie weniger als nichts haben. Ihre Kraft weiter zu gehen ist bewundernswert.

Immer mehr Menschen sind hier auf inoffizielle und illegalisierte Wege angewiesen, gerade, nach dem jetzt auch Afgahn_innen nicht mehr über die Grenze gelassen werden.

Wir verbringen unsere Tage damit, Menschen zu treffen, die Situation zu verstehen, Leute zu supporten. Das heißt mal bei der unabhängigen VoKü mit zu helfen, Menschen mit Infos zu versorgen, ihnen auf der Strecken Wegproviant vorbei zu bringen oder ihnen Strom für die Handys bereit zu stellen.

Idomeni scheint gerade das Nadelöhr nach Europa zu werden. Die nächsten Tage werden wir mit Sicherheit hier sein.

Kommentar verfassen

Du kannst die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>